Gedanken zur gestrigen Podiumsdiskussion “Shitstorms, Likes und die Macht der Suchmaschinen – wie digital leben wir?”

… gesammelt auf Totholz während der Bahnfahrt nach Hause ^-^.

Die Podiumsdiskussion zwischen Markus Beckedahl und Falk Lüke, Dirk Kurbjuweit, Dr. Mandy Rohs und Prof. Dr. Hartmut Ihne fand gestern, moderiert von Dr. Isabell Lisberg-Haag im Zuge der Reihe “Auf dem Sofa…” in der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg statt.

Eine spannende Diskussion. Immer wieder auftauchende Schlagwörter: AnonymitätPseudonymitätIdentität. Lustigerweise, sind mir diese gestern schon in verschiedensten Kontexten über den Weg gelaufen.

Schön fand ich, dass der Umgangston selten gereizt klang (zumindest vordergründig). Und sehr schade, dass die Veranstaltung nicht aufgezeichnet wurde.

Während der Veranstaltung fragte ich mich in manchen Moment, ob Kurbjuweit vielleicht einmal zu oft in solchen Runden Gast war (und einfach genug von solchen Diskussionen hatte) – oder eingeschnappt, dass Beckedahl mehr mit Aufmerksamkeit beschenkt wurde, wurde doch nebenbei auch das Buch “Die digitale Gesellschaft” vorgestellt, welches er zusammen mit Lüke publizierte.

Ein Gedanke, der mir während einer von Ihnes philosophischen Einwürfen in den Kopf kam: Die Diskussion geht zwar um Gesellschaft und Zivilisation, streifte jedoch nur ganz kurz den Begriff “Raum“.

Ich erinnere mich leider nicht mehr genau daran, ob es Lüke oder Beckedahl war, welcher die Aufweichung von (politischen) Grenzen durch das Internet ansprach. Ein Halbsatz der fiel während der Diskussion um Facebook, dem “demokratischen” Prozess bei Änderungen der AGB der Problematik der Umsetzbarkeit, der allgemeinen Problematik der demokratischen Möglichkeiten mittels des Internets und Zivilcourage.

Während Ihne und Kurbjuweit sich für Identifizierbarkeit aussprechen, da es den demokratischen Grundregeln nicht entgegen stände, scheinen sie aus einer anderen Perspektive als Beckedahl und Lüke zu blicken. Die Forderung nach Identität als Grundlage für den Aufbau von Ziviliation. Ich frage mich, ob der Mensch, der dafür benötigt würde, überhaupt existiert – bzw. wie viel Prozent der Menschen diesem Bild entsprechen. Wäre es nich notwendig, dass der Mensch sich dafür von Angst & Scham befreite?

Lustigerweise habe ich in den letzten Tagen in einem ganz anderen – und doch verknüpften – Kontext das Thema Anonymität vor Augen gehalten bekommen. Im Zuge der Vorbereitung für meine Präsentation für die Weiterbilungsbeauftragten der Bibliotheken machte mich Edlef Stabenau mehrfach auf die Erfahrungen von Michael Stephens aufmerksam, welcher vor kurzen einem spannenden und mitreißenden Vortrag “Learning Everywhere” im Rahmen der Zukunftswerkstatt hielt: Dieser betonte mehrfach, wie wichtig die Möglichkeit von Anonymität im Kontext von Online-Lernprogrammen ist, da es denn Nutzern die Freiheit gibt, zu kommen und zu gehen ohne unangenehme Folgen zu befürchten.1

Dazu purzelt der Gedanke: Im Sandkasten – also dem realen, da draußen in der Welt – sind wir auch anonym, zumindest die Kinder werden es zu Anfang sein, es spielt erst einmal keine Rolle, wer das andere Kind ist. Spielen und dabei passiert auch immer Lernen: Soziale Interaktion, motorische/physische Fähigkeiten werden eingeübt. Okay, da lande ich wohl schnell beim Confirmation-Bias ^-^”. Ich will, dass es passt, also wird der Gedanke passend gemacht.

Dennoch: Braucht das Netz nicht genauso beides? Einen anonymen Sandkasten, in dem wir ausprobieren und lernen können, in dem wir uns nicht schämen müssen, wenn etwas mal nicht klappt? Und gleichsam das “erwachsene Forum”, in dem diskutiert wird, von angesicht zu angesicht (so wie von Ihne zitierten in der Antike? Oder führt das nur wieder zu Spaltungen, wie wir sie heute – wie auch führer schon – sehen können (mir kommt hier z.B. das Schulsystem, Gehälter, der digital Gap in den Kopf) und die so schon eine Herausforderung darstellen?

Wo ich meine, eine Konsens gehört zu haben, war letztendlich im Punkt der Aufklärung, der Bildung. Dass es notwendig ist zu diskutieren um die Gesellschaft voranzubringen und die Werte (dieser Begriff fiel, wenn ich mich recht erinnere gar nicht – ich füge ihn hier jetzt einfach mal frei ein) für eine andere Welt zu entwickeln, eine Welt die sich so schnell geändert hat und die uns vor so viele Herausforderungen stellt. “Aufklärung 2.0” betitelte dies Ihne.

Und an diesem Punkt finde ich es schade, dass Frau Dr. Rohs so selten zu Wort gekommen ist. So wie ihre wenigen, sehr differenzierten Sätze klangen, hätte sie die doch sehr männlich dominierte Runde bestimmt um einige Dimensionen erweitern können.
Problematisch wäre dann natürlich gewesen, dass die Komplexität noch um einiges gewachsen wäre. Schon so wurden viele unterschiedliche Bereiche angesprochen, angeschnitten (Verantwortung und Identität, Transparenz, natürlich auch das Urheberrecht, und auch die digitale Kluft). Auf der anderen Seite ist es eben das: komplex. Alles ist verknüpft. Wie Rohs es andeutete (leider nur noch grob in meiner Erinnerung): Das Internet ist immer da, es sind wir. Mit einer Geste auf das vor ihr liegende Mobiltelefon ;).

Jetzt bin ich ganz von dem abgekommen, was mir eigentlich noch durch den Kopf ging, den Räumen.

Anonymität wird dort gefordert, wo der Nutzer das Gefühl hat, dass in seinen privaten Raum eingedrungen wird, so scheint es mir. Natürlich fiel das Beispiel von unpassenden Photos auf Facebook. Dazu ein Einwurf von Rohs, dass Studenten, die unter Klarnamen in einem ihrer Seminare oder Kurse offen ihre Photos auf Facebook veröffentlicht hatten, eher desinteressiert wirkten (“Na und”), als sie sie darauf ansprach. Und da ist sie, die Frage nach dem Raum. Was ist das für ein Raum, wo sind die Grenzen und wo liegt die Verantwortung?

Ein Gedanke Ihnes, … leider fehlt mir genau hier das, was es genau war, das bei mir folgenden Gedanken entstehen lies: einige der von Ihne gemachten Annahmen scheinen zu vergessen, dass Menschen nun einmal neugierig sind. Dass es ganz natürlich ist und uns letztendlich zu dem gemacht hat, was wir sind, bzw. die Dinge hat erschaffen lassen. Was dann wiederum zu einer Frage des Menschenbildes wird und am Ende bleiben wiederum mehr Fragen als Antworten.

Einhergehend mit der Vielfältigkeit des Menschens existieren unterschiedliche Interessen, die gegeneinander abgewogen werden müssen. Im Falle einer Firma, die sich z.B. über ihre Bewerber im Netz informiert, könnte man ja auch sagen: “Netzaktivitäten sind primär privater Natur und wir überlassen dem Menschen diesen Raum, so wie wir ja auch nicht abends durch die Gaststätten ziehen und schauen, wer da besoffen in der Ecke hängt.” Nicht dass dies so einfach ginge, denn im Internet existiert keine Trennung des Raumes. Oder nur bedingt – es ist ja durchaus möglich, private Informationen privat zu halten und gezielt Informationen zu streuen, die eher ein professionelleres Bild zeichnen wollen.

Und da bin ich dann wieder bei der Bildung. Die bösen Wörtchen Medien- und Informationskompetenz… ein langer, spannender Weg :)

Neugierigen mag ich den Blogbeitrag zur Podiumsdiskussion von Herrn Prof. Kaul ans Herz legen, in welchem noch viele bei mir nicht erwähnte Punkte der Veranstaltungen aufgeführt werden.


  1. STEPHENS, M., CHEETHAM, W.. The Impact and Effect of Learning 2.0 Programs in Australian Public Libraries. Evidence Based Library and Information Practice, North America, 7, mar. 2012. Available at: <http://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/EBLIP/article/view/11728>. Date accessed: 15 Nov. 2012. []

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