Martin Reichert “Wenn ich mal groß bin”

oder “Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche”.

Oh man, wenn einen mal eine Erkältung bei den  Temperaturen [es war Sommer, August, als ich dies schrieb] erwischt. Das ist nicht lustig! Aber seit etwas mehr als einer Woche habe ich heute Abend zum ersten mal wieder das Gefühl, mehr als zwei zusammenhängende Sätze (oder Zeilen Code) am Computer zusammenschreiben zu können.

Glücklicherweise hatte ich vor ein paar Tagen, als ich nachts partout nicht schlafen konnte und “Wenn ich mal groß bin” gerade fertig gelesen hatte einen großen “Mein Kopf schreibt Artikel”-Flash. Und weil ich schon so häufig gelesen habe, dass, wenn der Kopf arbeitet und einen nicht schlafen lässt, man die Gedanken aufschreiben soll, habe ich dies sogar getan und somit nicht alles vergessen, was mir zu diesem doch sehr diskussionsanregenden Buch durch den Kopf ging.

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Lieber Leser, das was du bis hierhin gelesen hast, ist nun schon wieder ein paar Wochen alt, besser gesagt etwa einen Monat. Durch ein kleines Missgeschick ist eine Rohversion des Eintrages auch schon mal in meinem Newsfeed gelandet, hier und heute gibt es jedoch endlich das überarbeitete, ausformulierte Geschreibsel. ^-~

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Gerade höre ich in einem meiner Lieblingspodcasts, SWR2 Leben, einen Bericht jenem Buch und dem darin behandelten Thema des Nicht-Erwachsenwerdens. Inspiriert dadurch und ein wenig am schlechten Gewissen gekitzelt möchte ich den angefangenen Artikel nun endlich zu Ende zu führen.

Es gibt sehr vieles, was mir damals, nach der Lektüre von „Wenn ich mal groß bin: Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche“ von Martin Reichert durch den Kopf gegangen ist. Aufwühlendes, Philosophisches, Neugieriges, Euphorisches, Zerknirschendes und sehr viel Inspiration!

Allem voran stellte sich bei mir schon während des Lesens die Erleichterung ein, endlich mal etwas gelesen zu haben, was dem allgegenwärtigen Jugendwahn entgegen tritt und – zumindest im Kontext meines Lebens – mir ein wenig die Bestätigung gibt, dass definitiv nichts Falsches daran ist „erwachsen zu sein„.  Besser gesagt, dass es eine Bereicherung ist und man sich nicht mehr verstecken muss, hinter der Jugend, der Unsicherheit die sie mit sich bringt und all den Fassaden, um dazu zu gehören.

Zwar gehöre ich nicht direkt in die von Reichert beschriebene Generation – obwohl ich wirklich an meiner Umhängetasche hänge ^_^“ – dennoch hält auch mir das Buch einen Spiegel vor und warnt mich quasi davor, nicht den Absprung zu verpassen. Der typische Anhänger der Generation Umhängetasche ist um die 30+, hat keinen wirklich festen Job,  lebt vom Heute ins Morgen und ist ständig bemüht, ‚hip‘ zu sein und bloß nicht erwachsen (=spießig) zu werden. Sein Leben ist überall und nirgendwo und alles andere als berechenbar, denn Möglichkeiten muss man sich ja offen halten.

Im Gegensatz zu dem Generationenbuch „iCool“ von Ric Graf ist Generation Umhängetasche gut strukturiert und bietet dem gewillten Leser nützliche Aspekte. Es ist im Stil eines Selbsthilfebuches aufgezogen. Eine Art Ratgeber, mit Hilfe dessen man in x Schritten den alten Balast loswerden und einen Weg in eine ‚unbeschwerte‘ Erwachsenenwelt einschlagen kann. In wie fern man Reicherts Buch als Ratgeber oder eher als Pop- bzw. Unterhaltungsliteratur sehen möchte, kann bestimmt hitzig diskutiert werden ^.~.

Ich kann mir zumindest gut vorstellen, dass die Meinungen zu dem Buch sehr stark auseinander gehen. Kontroversen darüber, ob die Beschreibung der Generation so passt oder nicht kann man letztendlich bei dem Genre der Generationsbücher nicht vermeiden. Wie Martin Reichert selbst schön schreibt:

“ […] die jeweiligen Vertreter dieser vergleichweisen kleinen Gruppen [beschrieben Generationen] im späteren ‚erwachsenen‘ Leben eher über eine publizistische Stimme verfügen und somit den Diskurs bestimmen. […] “  1

Dagegen helfen dann Talkshows, YouTube, MySpace und nicht zuletzt Blogs. Im übrigen rechne ich es dem taz-Autoren sehr hoch an, dass er auf diesen Punkt eingeht und auch andere Generationenbücher nicht unberücksichtigt lässt. Hier lese ich nicht die Arroganz anderer, welche nicht an sich zweifeln sondern absolute Wahrheit predigen, bzw. ihre Wahrheit als die absolute (Sicherlich ist dies nur ein Verkaufsrezept – eines, welches mir persönlich jedoch bitter aufstößt).

Nicht selten habe ich mich bei allen bisher gelesenen Generationsbüchern gefragt, in welcher Parallelwelt ich leben muss, dass ich ohne Drogen und wilde Sexorgien aufgewachsen bin und auch heute eher wenige Menschen kenne, zu deren Lebensstil diverse Aufputschmittel (abgesehen von Kaffee) und das ganze drum herum gehören. Und somit finde ich es gut, wenn ein Autor nicht von einem „ganzheitlichen Wir“ schreibt.

Was mir während des Lesens auffiel: Gerade wenn es darum geht, in welchen Hals man die Umhängetaschengeschichten bekommt, spielt die Intonation des inneren Lesers eine sehr große Rolle. Mein innerer Vorleser hat das gut gemacht, etwas bissig ohne das bereits oben erwähnten Zwinkern im Auge vermissen zu lassen. So dass es mir letztendlich viel Spaß gemacht hat, dies Buch zu lesen.

Einzig das vorletzte Kapitel fiel etwas aus der Rolle. Aber ich nehme an, dass ich hier einfach nicht genug Insiderkenntnisse habe, um den Witz zu verstehen. Leider war ich noch nie in Berlin und zu der Medienwelt gehöre ich auch nicht, und ein bisschen zu jung bin ich ebenfalls. Vielleicht muss ich das Kapitel irgendwann einfach noch mal durchlesen und sehen, ob ich es auf meine Welt übertragen kann. Auf meine Heimat, auf die Stadt, in der ich zur Schule ging, in der ich jung war und – ja.

Zu guter letzt, habe ich noch eine Kleinigkeit, welche mir positiv ins Auge gehüpft ist. Obwohl Sprache ja nicht unbedingt mein naturgegebenes Talent ist, gefällt es mir viel besser, in Büchern gut geschriebene Texte zu lesen. Solche, welche mich herausfordern, welche unsere vielfältige und ausdrucksstarke Sprache nutzen und nicht masakrieren. Und Dinge, wie Wörter, die ich bisher noch nie geschrieben gesehen habe – deutsche, für mich quasi ausgestorbene Wörter, machen einen Text für mich memorabler. Er wird dadurch zu etwas Besonderem. Und so mag es albern klingen, aber die Verwendung von „linnenen“ hat sich bei mir positiv ins Gedächtnis gebrannt und hinterlässt bei mir das Gefühl, dass der Autor die Wörter die er verwendete wohl gewählt hat. Es fühlt sich für mich in keinster Weise so dahingerotzt an, wie es – im Nachhinein betrachtet – bei „iCool“ der Fall war.

Fazit

Nun, warum fand ich das Buch jetzt gut? Weil es so angenehm war, etwas zu lesen, was mich inspiriert, erwachsen zu werden. Was mir auch ein wenig die kleinen Sünden aufgezeigt hat, Sentimentalitäten die längst überholt sind und die einem, wenn man mal ehrlich ist, weder Spaß machen noch irgendwelchen anderen Nutzen bringen. Häufig ist es sogar eher das Gegenteil – sie machen traurig. Außerdem bietet es eine phantastische  Diskussionsgrundlage, zum Philosophieren, zum Weiterdenken ^-^

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  1. Martin Reichert „Wenn ich mal groß bin“, S. 69 Z.6ff []

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